Die gewaltvolle und tödliche Dimension von Queerfeindlichkeit ist durch den mörderischen islamistischen Anschlag auf den CSD in Berlin am Abend des 25. Juli auf brutalste Weise auch außerhalb der betroffenen Communities deutlich geworden. Der Anschlag und viele nachfolgende Reaktionen zeigen, dass Trans- und Queerfeindlichkeit Brückenideologien sind, die antidemokratische, extrem rechte, islamistische und konservative Milieus gleichermaßen verbinden und neue antidemokratische Allianzen entstehen lassen. Anknüpfungspunkte sind vermeintlich traditionelle Familienbilder und Geschlechterrollen. Das Ziel: Gesellschaftliche Öffnungsprozesse und rechtliche Fortschritte abzuwehren und letztendlich rückgängig zu machen. LGBTIQ*-Personen sollen unsichtbar gemacht werden.

Angriffe auf Orte des Alltags

Dass queerfeindliche Gewalt auch in Sachsen-Anhalt weiterhin ihre Wirkung entfaltet, zeigen zwei aktuelle Beispiele: Nur wenige Tage nach dem tödlichen Anschlag in Berlin beschädigten bis heute unbekannte Täter*innen in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 2026 die Fensterfront des Regenbogencafés des LSVD+ Verband Queere Vielfalt in Magdeburg in der Innenstadt. Das Café ist ein wichtiger Treffpunkt für queere Communities und Vereine. Trotz des Angriffs, bei dem zahlreiche Risse und Löcher in der Fensterfront entstanden, bleibe das Café „ein Ort der Begegnung, der Unterstützung und der Solidarität. Ein Safe Space für queere Menschen, ihre Freund*innen und alle, die unsere Werte teilen: Menschenrechte, Vielfalt und Respekt“, betonte der Verband. Unter dem Motto „Regenbögen lassen sich nicht einschlagen“ und „Vielfalt ist unzerbrechlich“ initiierte LSVD+ eine erfolgreiche Solidaritätsaktion, an der sich zahlreiche Menschen und Initiativen beteiligten und solidarische Sticker auf die Risse klebten. Die Botschaft: „Wir bleiben sichtbar, wir bleiben hier“.

Zehn Tage später, am 9. August beschädigten bislang ebenfalls Unbekannte das Fenster einer Erdgeschosswohnung in Magdeburg-Sudenburg, an dem deutlich sichtbar ein großer Aufkleber mit Regenbogenflagge angebracht war. Der oder die Täter hatten offenbar das massive Außenrollo hochgehoben, den Böller zwischen Rollo und Scheibe platziert und ihn dann angezündet. Dabei wurde eine Scheibe des Doppelglasfensters zerstört und das Rollo so beschädigt, dass es nicht mehr benutzbar ist. Schon zuvor hatten Unbekannte mehrfach die Fensterscheibe sowie die Klingel zur dazugehörigen Wohnung bespuckt. Drei Tage später erfolgte ein weiterer nächtlicher Böllerangriff auf die Wohnung: die Explosion war so massiv, dass die Glasscherben großflächig auf dem Boden verteilt wurden. Dieses Mal wurde auch ein Nazi-Aufkleber hinterlassen.

Nur ein Ausschnitt der Realität

Die Angriffe stehen hier stellvertretend für einen Ausschnitt aus den queeren Lebensrealitäten in Sachsen-Anhalt. Denn alltägliche körperliche, verbale, emotionale und strukturelle Gewalt prägen das Leben vieler queerer Menschen in Sachsen-Anhalt. Aus der Beratungserfahrung der Mobilen Opferberatung und den Erfahrungen queerer Selbstorganisationen wie dem LSQPRT SACHSEN-ANHALT E.V. wissen wir: Die allerwenigsten Gewalterfahrungen werden zur Anzeige gebracht. Zudem hat erlebte queerfeindliche Gewalt oftmals langfristige psychosoziale Folgen nicht nur für die direkt betroffene Person, sondern ganze Communities. Darauf hatte auch Daria Kinga Majewski, Sprecherin des LSQPRT SACHSEN-ANHALT E.V. anlässlich der Vorstellung der Jahresbilanz rechter Gewalt 2025 der Mobilen Opferberatung Ende April hingewiesen: „Je stärker der queerfeindliche Diskurs, desto höher die Zahl der nicht erfassten Fälle. Der Grund: Angst vor institutionalisierter Diskriminierung“, betonte Daria Kinga Majewski.

Mit 22 Angriffen und 26 direkt Betroffenen lag das von der Mobilen Opferberatung erfasste Ausmaß queerfeindlicher Gewalt im Jahr 2025 – nach einer Verdopplung der Zahlen in 2023 – erneut auf dem hohen Niveau der beiden Vorjahre (2024: 24, 2023: 22). Die Hälfte der für 2025 registrierten Körperverletzungen (8), Bedrohungen und Nötigungen (13) sowie auch eine massive Sachbeschädigung richteten sich gegen queere Strukturen bzw. Versammlungen. Und alleine zehn Angriffe wurden im Kontext von insgesamt sechs Christopher Street Days (CSDs) in Sachsen-Anhalt dokumentiert.

Erste Zwischenbilanz zu CSD-Saison 2026

Im ersten Halbjahr 2026 scheint die Anzahl der Mobilisierungen von Jungnazigruppen u.a. gegen die zahlreichen Christopher Street Day-Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt erstmals wieder rückläufig. Nach vorsichtiger erster Einschätzung scheinen die entwickelten Sicherheitskonzepte der Veranstalter*innen und die verstärkten polizeilichen Maßnahmen und Repressionen Wirkung zu entfalten. Demgegenüber scheint es, als verlagere sich queerfeindliche Gewalt weg von den CSDs hin zu anderen, ungeschützteren Orten queerer Sichtbarkeit. Eine abschließende Analyse steht hier allerdings noch aus.

Dennoch kam es auch in dieser CSD-Saison vereinzelt zu queerfeindlichen Vorfällen und Angriffen. So war dem Veranstalter des CSD in Wernigerode eine knappe Woche vor dem geplanten Event am 30. Mai 2026 via Instagram gedroht worden, „alle in die Luft zu sprengen“, woraufhin die Demonstration unter verstärktem Polizeischutz stattfinden musste. Und auch der CSD selbst wurde von Störaktionen und einer angespannten Stimmung begleitet. Unbekannte hatten entlang der Demonstrationsstrecke Schnellbauschrauben ausgelegt, die vor dem Demonstrationszug eingesammelt werden mussten, um Teilnehmende und Fahrzeuge zu schützen. Zudem zeigten extrem rechte Gruppen Präsenz am Rande der Veranstaltung. Bereits im Vorjahr hatte es im Vorfeld Gewaltdrohungen gegen den CSD in Wernigerode gegeben.

Auch im Vorfeld des CSD in Köthen (Anhalt-Bitterfeld), der am 11. Juli 2026 stattfand, war eine im Vorbereitungskreis aktive Frau nach einem Treffen abends mit weiteren Teilnehmer*innen unterwegs, als sie mehrfach von einem Unbekannten beleidigt wurde, der schließlich noch versuchte, sie zu bespucken. Bereits Mitte Januar war ein Organisator des CSD in Köthen in einer Kneipe homofeindlich beleidigt und bedroht worden.

Aktive Solidarität gegen Normalisierung von Trans- und Queerfeindlichkeit

Die hier genannten Vorfälle spiegeln die zunehmende gesellschaftliche Normalisierung von Queerfeindlichkeit und die Markierung von LSBTI* Personen als politische Gegner*innen, denen das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf Selbstbestimmung und Gleichberechtigung oft unter Diskriminierung bis hin zu Gewaltandrohung bzw. -ausübung verwehrt und abgesprochen wird.

Angesichts auch der gezielten Angriffe durch die AfD und andere rechtsextreme Akteure, durch Kürzungen von Fördergeldern für Beratungsstrukturen wie LAMBDA im Bund bleibt Solidarität mit den queeren Communities wichtiger denn je, um gemeinsam für das Recht auf geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung einzustehen.

Mehr dazu:

Kipppunkt Ost – Folge 8: Queer aufm Dorf!

Für Episode 8 des Podcasts Kipppunkt Ost „Queer aufm Dorf!“ haben die drei Hosts mit queeren Aktivist*innen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern u.a. über mangelnden Schutz, notwendige Solidarität und Sichtbarkeit gesprochen.

Anhalten! – ein TikTok-Reportageformat

Zwischen den CSDs in Wittenberg und Weißenfels sprechen Luna Möbius (@luna.moebius) und Eric Stehr über queeres Leben abseits der Großstädte: um fehlende Räume für die Community, die Bedeutung kleiner CSDs und darum, warum Sichtbarkeit gerade im ländlichen Raum wichtig ist.

Das Video ist Teil des TikTok-Reportageformats „Anhalten!“ von Johanna Pichler, entstanden im Masterstudiengang Multimedia & Autorschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und in Kooperation mit der taz.